Verschiedene Jahrhunderte, verschiedene Namen - beginnen wir mit der ältesten Bezeichnung: Burg oder Borch. Auf dem Areal dieses Adelssitzes entstanden im Laufe der Zeit zwei Bauernhöfe. Beide behielten Burg noch in ihrem jeweiligen Namen. Und das scheint eines der wenigen Dinge zu sein, die als gesichert gelten dürfen. Denn je tiefer man in die Geschichte des heute noch bestehenden Hügels einzudringen versucht, desto unübersichtlicher wird es.
Alte Burg
Der westliche, links vom Kittelbach liegende Bereich ist der Standort, an dem der Hof "
Alte Burg" gestanden hat. Die Fundamente von Hof
Alte Burg bestanden aus Basalt (vgl.
Haus Leuchtenberg) und stammten möglicherweise aus mittelalterlicher Zeit.
[8] Nach dem Aufsatz von H.H.Wegner
[11] soll sich dort in den 1970er Jahren noch ein Wall abgezeichnet haben, der einst zur Umwallung des früheren Wirtschaftshofes der "Großen Burg" gehörte. In diesem Fall hätte der heutige Hügel zu einer Motte gehört, die durch den Kittelbach von ihrem Wirtschaftsbereich getrennt gewesen wäre. Der heutige Hügel wäre somit Bestandteil beider Höfe von Burg gewesen.
Allerdings verweist J.Schneider auf einen bereits 1890 verschwundenen Warthügel westlich der
Großen Burg mit dem Namen
Kleine Burg oder
Alte Burg. Eine eigene separate Motte mit Turmhügel parallel zur Anlage bei
Große Burg ist über 130 jahre nach dieser Feststellung nicht mehr nachweisbar.
Eine Skizze aus dem Jahr 1702 wurde von Prof. Fischer
[1] so interpretiert, dass sie eine eigene Motte für
Alte Burg darstellt. Durch Drehung der Skizze um 90° wird aber ersichtlich, dass es sich dabei um die benachbarte Motte
Große Burg handeln könnte.
Standort, Name und Fundament von
Alte Burg würden auf einen Zusammenhang des heutigen Hügels mit einem angeschlossenen mittelalterlichen Wirtschaftsbereich hindeuten - dem aber auch einiges entgegen spricht.
Große Burg
Der Name
Große Burg geht auf den zweiten neuzeitlichen Bauernhof zurück, der am rechten Ufer des Kittelbaches stand und sich offenbar nach der benachbarten Anlage benannt hat. Die heute zumeist als Motte angesehene Struktur in Unterrath hört im Internet auf verschiedene Namen, wird aktuell aber als
Große Burg angesprochen - auch wenn der zugehörige Hof schon wieder verschwunden ist (Kiesabbau 1970er Jahre).
Noch Ende des 19.Jh. war im nordwestlichen Geländeteil von
Burg ein Wall zu erkennen. Dieser Wall wurde in der Arbeit von J.Schneider
[17] als Teil einer Landwehr interpretiert. 1977 kam Wegner
[11] allerdings zu der Ansicht, dass dieser Wall früher zur Vorburg der heutigen Anlage gehörte. In beiden Fällen ergeben sich dadurch signifikante Unterschiede in der Bewertung des bestehenden Hügels. Hinzu kommt, dass J.Schneider nicht nur eine Bodenstruktur bei "Grosse Burg" kennzeichnet, sondern noch eine weitere knapp nördlich der Landwehr - an dieser Stelle dürfte heute die Tankstelle und der alte Radarturm am Kieshecker Weg stehen. Demnach hätte sich dort eine "Warte mit umwallten Einschlüssen" befunden - ähnlich der
"Burg Ickt". Diese Struktur hätte im Krisenfall als Zufluchtsstätte dienen können.
Südlich der Landwehr verzeichnet J.Schneider
[17] hingegen nur einen Warthügel, der zur Beobachtung einer Grenze gedient habe. Demnach würde es sich bei dem heute bestehenden Hügel um eben diese Warte handeln.
In den 1870'er Jahren hat J.Schneider auch das Profil der "Grossen Burg" vermessen. Dieses Profil entspricht nicht dem heutigen Hügel mit seinem umlaufenden ringförmigen Absatz. Dies nährt die Vermutung, dass es sich hier tatsächlich um zwei unterschiedliche Wehranlagen gehandelt haben könnte. Über die direkt nördlich der Landwehr liegenden Anlage ist mir nichts bekannt.
Das Alter?
Die Frage nach dem Alter des Hügels lässt sich kurz beantworten: es ist unbekannt.
Die ersten Vermutungen reichen zugleich besonders weit zurück. J.Schneider
[17] argumentierte im 19. Jh., dass die Grenzwehren auf Grund ihres abweichenden Verlaufes nicht zur territorialen Abgrenzung im Mittelalter dienten. Sie seien vielmehr auf die (vor-)fränkische Zeit zu datieren, als sich durch Rodungen die Zahl der Höfe erhöhte. Ihre Zerstörung hätte im späten Mittelalter eingesetzt. Seiner Argumentation folgend könnte der Hügel eine Warte darstellen, deren Ursprung schon im
Frühmittelalter liegen könnte. Im Zusammenhang mit den Sachsenstürmen im 8.Jh. wurde seinerzeit der Königshof Rath verstärkt. Und im 9.Jh. wurden bei fränkischen Höfen am Niederrhein die ersten Motten erbaut. Wäre die "
Motte Große Burg" diesem Entstehungszeitraum zuzuordnen, wäre sie damit das bei weitem älteste noch bestehende Siedlungsrelikt in Unterrath.
Unter der Annahme, dass es sich nicht um eine Warte, sondern um eine typische Motte handelt, gerät der Fokus aber auf einen späteren Zeitraum. Die Hochzeit des Mottenbaus am Niederrhein setzte erst später ein, als es zu territorialen Neuordnungen und Auseinandersetzungen lokaler Adelssitze kam. Im weitesten Sinne als Wehranlage zum Schutz eines reisenden Regenten ist sie mit Sicherheit nicht anzusehen. Die Waffentechnik änderte sich mit der Einführung des Schießpulvers, hölzerne Befestigungen wurden zunehmend nutzlos. Wer es sich leisten konnte, setzte auf steinernes Baumaterial an Stelle von Holz. In geringer Entfernung entstand so im 11. und 12.Jh. die massive Kaiserpfalz in Kaiserswerth. Diese Bauweise stand aber den Hofbesitzern in der Regel nicht zur Verfügung, sie setzten auch im 11./12.Jh. in erster Linie auf Holz zur Befestigung. Die meisten Autoren verorten die Anlage in Unterrath als Motte in das
Hochmittelalter (11.-13.Jh.).
Einen anderen Weg der Altersbestimmung schlug Tutlies
[18] im Jahr 1990 ein. Nach einer Grabung im Rahmen der Renaturierung des Kittelbaches entstand die Hypothese, dass es sich lediglich um ein Element der
Gartenarchitektur des 19.Jh. handeln würde - entstanden in den 1830er Jahren. Nicht ausreichend berücksichtigt wurden dabei die Literaturquellen zur Motte sowie die landschaftlichen Umformungen in Zusammenhang mit dem benachbarten Kiesabbau. Einige Jahre zuvor war eine Kiesgrube bis an den Rand der Motte heran gewandert, der südliche Wall war bereits nicht mehr vorhanden.
Da sich eine Grabung aus verschiedenen Gründen (Gesetzeslage, Finanzen) nicht realisieren lässt, bleibt eine Einschätzung wohl solange beliebig, bis es aussagekräftige Fundstücke gibt.
Hofgeschichte
Erste Dokumente von 1392 belegen, dass die Hofanlage
Burg in den Besitz der Eheleute Wilhelm und Agnes von
Calkum zu Lohausen kam. Deren Söhne Adolph und Peter verkauften das
Gut zur Burg 1431 an Johann und Christine von Hammerstein, in deren Familienbesitz es für einige Generationen bleibt. Als Besitzer folgten Adolf von Hammerstein, Wilhelm von Hammerstein und Reinhard von Hammerstein. Letzterer verstarb am 10.1.1603 ohne Nachkommen, wodurch Burg an seine Schwester und ihren Ehemann Peter Leonard von Hanxleden gelangte.
Nach dessen Tod im Juni 1606 erbte Stephan von Hanxleden den Hof. Bis zum 30-jährigen Krieges behielt
Altnburg noch den Status als freier Hof. Im Februar 1623 beschädigte eine "Windbrause" eine Scheune und andere Hofbauten. Im August 1632 wurde Stephan von Hanxleden eine Anweisung zu Teil, wonach er Holz für einen Brückenneubau zu
Burg bereit zu stellen hat. So wie andere Gehöfte war auch
Burg durch kriegerische Einwirkungen niedergebrannt worden. Nächster Besitzer von
Burg war Johann Friedrich von Hanxleben. Sein Sohn Johann Friedrich von Hanxleben zu Burg fiel im Krieg. Nach dem 30-jährigen Krieg war der ehemalige Adelshof
Altenburg nur noch ein unfreier Hof.
Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert wechselte der Besitz von
Haus Burg zu den Freiherren von Vitinghof genannt Schell. 1702 wurde das benachbarte
Kaiserswerth während des Spanischen Erbfolgekriegs belagert. In Kaiserswerth war eine französische Besatzungstruppe stationiert, die von einer 15.000 Mann starken Allianz des Heiligen Römischen Reiches angegriffen wurde. Deren Oberbefehlshaber
Generalfeldmarschall Prinz von Nassau-Usingen bezog sein Quartier in
Burg. Freiherr von Schell beklagte danach zahlreiche Zerstörungen: Fenster und Betten waren zerschlagen und verbrannt worden, Ställe beschädigt, Wände eingeschlagen, Obstbäume geschält, Getreide nieder getreten und anderes.
heutiger Zustand
Unter der Prämisse, dass die Motte "
Große Burg" dem Mittelalter zuzurechnen wäre, ist sie heute das am besten erhaltene Überbleibsel der alten Wehranlagen rings um den Rather Königshof. Ihre Höhe beträgt etwa 3m, der Durchmesser des Turmhügels liegt bei etwa 26m.
[6] Allerdings ist bei einem Spaziergang entlang des Kittelbaches davon kaum etwas zu sehen. Luftaufnahmen per Drohne verbieten sich wegen der unmittelbaren Nähe zum Düsseldorfer Flughafen. Es ist daher etwas Fantasie nötig, wenn man sich den früheren Zustand vorstellen will.
Der abgestufte Turmhügel war einmal von einem inneren Wassergraben umgeben, der inzwischen (wasserstandsabhängig) zu mehr als der Hälfte trocken gefallen ist. Die Süd-Westseite des Turmhügels liegt direkt am westlichen Arm des Kittelbaches, der die heute wieder zu einer Insel gewordenen Motte umfließt. Die Ansicht alter Luftaufnahmen und die Bauweise anderer ähnlicher Motten läßt die Vermutung zu, dass der neu angelegte östliche Bacharm durchaus die historische Anlage mit einem zweiten äußeren Wassergraben nachahmt.
Vor der Renaturierung des damals mehr oder weniger begradigten Kittelbaches verlief an seinem Ostufer ein Trampelpfad, der sich seitlich über den abgestuften Ring am Hügel vorbei zog und sich über die Jahre in den Grund erodierte. Seit der Renaturierung ist die Motte durch die Insellage nicht mehr begehbar.
Die Sichtbarkeit der Motte und die Vorstellung der einstigen Ausdehnung leidet auf der östlichen Seite unter der Distanz zwischen Fußweg und Hügel. Zum anderen behindert der Pflanzenbestand die Erkennbarkeit ganz erheblich. Am besten schälen sich die Konturen des Hügels nach einem Schneefall auf der Westseite heraus. Im Sommer hat man dagegen kaum Chancen den inneren Graben zu erkennen. Einerseits begrüße ich die Renaturierungsbemühungen, andererseits bedauere ich den Umgang mit diesem Bodenkmal (Denkmalnummer 05111000 B 12). Nicht ein einziges Hinweisschild deutet auf die Existenz der Warte/Motte hin, von einer Rekonstruktion samt Turm ganz zu schweigen.
Lage (Geokoordinaten) von Motte Große Burg:
51.27807, 6.77202frühere Lage (Geokoordinaten) von Hof Alte Burg:
51.279411, 6.771005aktuelle
3D-Ansicht der Motte bei "Düsseldorf in 3D" (lange Ladezeit!)