Kyrkö Mosse - die Autos aus dem Sumpf
(August 2009)

In einem sumpfigen Wald Südschwedens liegt ein demokratisch legitimiertes Kulturgut des Zerfalls. Was man hier geschaffen hat, ist wohl einzig in seiner Skurilität. In der Schweiz wird sich so manch einer fragen, warum dies nicht auch mit Messerlis Autofriedhof in Kaufdorf möglich war. Aber der Reihe nach ...

Nachdem ich an einem der Vortage erst gegen Nachmittag vor Ort war und wegen des Besucherandrangs schnell das Weite suchte, hatte ich nun in den Morgenstunden den Platz einige Stunden lang für mich alleine. Und wie verwandelt dieser Ort nun war!
Bucklige Rostlauben tauchten wie schlafende Riesenschildkröten auf, eingehüllt in dunstiges Morgenlicht welches angenehm zusammenführte, was später durch die grelle Mittagssonne und harte Schatten zerschnitten sein würde. Ein paar Vögel waren zu hören und insgeheim bemerkte ich, dass jetzt nun nur noch ein verschlafener Åke Danielsson laut gähnend aus seinem Schuppen treten müßte, um die Stimmung perfekt zu machen. Das sind die Momente, für die es sich lohnt früh aufzustehen!

Dieser Autofriedhof reiht sich ein in eine Linie mit Chatillon und Kaufdorf. Er ist deutlich kleiner als der Platz in Belgien und enthält auch nicht so viele Autos wie Messerlis Schrottplatz. Die Wracks sind auch in einem deutlich schlechteren Zustand - fast überall fehlen die Motorhauben, Räder und Sitze. Intakte Scheiben haben ich keine mehr gesehen. Zerdrückte Dächer künden eher davon, dass hier auf den Autos herumgetrampelt wurde. Weshalb bekommen viele Menschen es einfach nicht hin, die Grenze zwischen Zerfall und Zerstörung zu begreifen? Was hier in diesem #gallery db921f5c-62fc-4cc1-8e43-c532385cc894Waldstück geschehen soll, ist der unter Schutz stehende Verfall von technischen Kulturgütern. Es ist das natürliche Ende von etwas vergänglichem, das Menschen einmal geschaffen haben - vergleichbar dem letzten Abschnitt eines Alterungsvorgangs bei einem Lebewesen. In einer Gesellschaft, die auf die Wiederverwertung von Resourcen angewiesen ist und unter Platzmangel leidet, kann man sich diesen Luxus nicht leisten - die Entsorgung alter Autos hat dort durchaus ihre Berechtigung. Aber hier in der schwedischen Provinz konnte etwas entstehen, dass sich im Nachhinein als Glücksfall erweisen sollte. Eine bemooste Erinnerungsstätte, die uns die Kurzlebigkeit unserer technisierten Kultur vor Augen hält.

Entstanden ist der Platz durch die Tätigkeit von Åke Danielsson. In den 30'er Jahren begann er hier mit dem Abbau von Torf und baute sich aus gebrauchten Teilen seine eigene kleine Maschinerie (Zug, Schienen, Torfpresse,...). Nach fast 20 Jahren hatte die harte körperliche Arbeit ihre Spuren hinterlassen, außerdem hatte sich bei den Bauern der Umgebung sein technisches Geschick herumgesprochen. Und so wechselte Åke die Branche: er kaufte Schrottautos, schlachtete sie aus, handelte mit Ersatzteilen

und reparierte nebenbei auch noch in seiner kleinen Werkstatt. Was nicht reparabel war, landete einfach rechts und links der Wege vor und hinter seinem Schuppen. Über Jahrzehnte hinweg entstand so eine von alten Volvos, Birken und Moos geprägte Melange aus Natur und Technik. Bis weit in die 80'er Jahre ging das so weiter. 1992 ging Åke in ein Altersheim, vor einigen Jahren ist er gestorben.

Damit endete das erste Kapitel der Geschichte. Woanders wäre nun auch gleich die ganze Geschichte zu Ende gewesen, nicht so aber hier. Nachdem sein Vater das Grundstück von Åke erworben hatte, begann ein jugendlicher Gymnasiast aus der Nachbarschaft über Jahre hinweg auf dem Platz aufzuräumen. Die lokalen Behörden verlangten aber den (unmöglichen) Abtransport der Wracks, die Sanierung des Bodens und wollten Åke eine kräftige Strafe aufbrummen. Das war der Moment, an dem sich zuerst lokale einflußreiche Personen zu Worte meldeten und den kulturellen Wert des Platzes anmahnten. TV und Presse wurden aufmerksam und verfolgten die jahrelange Auseinandersetzung zwischen Behörden und Befürwortern des Erhalts, der schließlich sogar die schwedische Regierung beschäftigte. Das Ergebnis ist nun, dass die Kommune den Platz bis zum Jahr 2050 so erhalten darf, einen Schutz als offizielles Denkmal gab es jedoch nicht. Nach dieser Zeit wird sehr wahrscheinlich nichts mehr auf dem feuchten sumpfigen Boden dem Rost standgehalten haben und die alten Autos werden auf natürliche Weise im Boden verschwunden sein.

Akes Hütte #gallery 09ca2030-d573-4d0b-b628-12f017596d9cIn der an touristischen Sehens- würdigkeiten armen Gegend stellt der Platz nun ein Ziel dar, das in der Feriensaison von ganzen Familien angesteuert wird. Diese Publicity bekommt dem Autofriedhof leider nicht wirklich. Auch wenn kaum noch etwas an Ersatzteilen zu holen ist, kann man beim Vergleich älterer und neuerer Fotos feststellen, dass den Wracks immer mehr Teile fehlen - vorzugsweise Motorhauben. Akes Werkstatt #gallery 3c1206a6-6fc5-4927-ada1-cad7207cf8dcÅkes Werkstatt ist komplett durchwühlt, der Boden bedeckt von rostigen Metallteilen. Seine kleine Behausung ist vandalisiert, die Wände wurden aufgebrochen - als ob man dahinter einen Schatz gesucht hätte. Wer kommt bei der Hinterlassenschaft eines armen Schluckers nur auf solche Ideen? Der ausgewiesene formelle Schutz eines offenen Kulturplatzes nutzt wenig, wenn niemand die Bewachung übernimmt. Leider ein internationales Phänomen ...

Weiterführende Links:

Berliner Zeitung: "Moosgrün ist die Vergangenheit"
Ulli Feuerstein - Die Geschichte von Ake Danielsson und Kyrkö Mosse
schwedischer Zeitungsbericht 2008
Video

 

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Åke Danielsson
Der Sumpf im Wald
Åkes Wohnhaus - gut 7m² groß
Åkes Werkstatt