Cinéma Théâtre Varia - der letzte Vorhang ist gefallen
(September 2005)

Jerry gibt Gas - und rennt um sein Leben. Hinter ihm her hechtet Kater Tom, der in den letzten Minuten schon mehr als einmal vergeblich versucht hat, die kleine Maus zu fangen. Auf der Leinwand spielt sich ein blutfreies Drama in Comicfarben ab und im Saal jauchzen die Kinder vor Vergnügen.
Es muß lange her sein, dass sich hier solche Szenen abgespielt haben, damals als das Fernsehen die beiden Zeichentrickstars noch nicht in alle Wohnungen des bescheidenen Arbeiterviertels brachte. Ich denke an Ausschnitte des Films "Cinema Paradiso" von Giuseppe Tornatore, der das Leben im und mit dem Kino erzählt. Da wird geliebt und gelitten, geboren und gestorben - all das mag sich wahrscheinlich auch hier im "Varia" ereignet haben. Vielleicht genoß ja damals der stille hinterste Platz des zweiten Balkons, in dem man der häuslichen Kontrolle so schön entgehen konnte, seinen ganz speziellen Ruf. Und nach einer erfolgreichen Premiere mögen die zahlreichen Nebenräume sicherlich auch die eine oder andere Feier der Bühnenschauspieler erlebt haben. Geschichten wurden hier mit Sicherheit nicht nur gezeigt und erzählt, sondern auch geschrieben.
Heute ist die Bühne, auf der einst Gaukler und Komödianten standen, zentimeterdick mit Vogelkot und toten Tauben bedeckt. Der Orchestergraben ist verwaist, kein Ton erklingt mehr. Der letzte Vorhang ist gefallen.

Das Cinéma Théâtre Varia ist eines der sehr seltenen Theater, die noch aus der Jugendstilzeit übriggeblieben sind. Um 1906 herum verlagerten sich Matinees und Kaffeekonzerte in Lichtspielhäuser, bevor sich um 1920 die singuläre Nutzung der Gebäude als klassisches Kino durchsetzte.
Das Varia ermöglichte bei seinem Bau durch den Lütticher Architekten E.Claes in den Jahre 1911-1913 durch die angewendete Stahlbetontechnik ein höheres Maß an Sicherheit. Zum einen wurde die Brandgefahr durch das hochentzündliche Nitrofilmmaterial etwas gesenkt, zum anderen war dadurch auch die Konstruktion mit zwei übereinander liegenden Balkonen unter einer weit spannenden Betondecke möglich. Die Akustik des Baus wurde zu Zeiten des Stummfilms auf die Anforderungen des Bühnenschauspiels ausgelegt.
1986 hat das Kino-Theater seinen Spielbetrieb eingestellt und steht somit schon seit fast 20 Jahren leer. 1992 wurden die ornamentale Jugendstilfassade und Teile des Daches unter Denkmalschutz gestellt. 1996 wurden Pläne zu einer neuen Nutzung als kulturelles Zentrum vorgestellt, 2000 erhielt es einen neuen Besitzer, Ende 2004 begannen einige Sanierungsarbeiten.
Das Ergebnis dieser Sanierungsarbeiten ist vor allem im Inneren zu sehen, wo es in erster Linie Entkernungsmaßnahmen gegeben hat. Die Beleuchtung und andere dekorative Elemente wurden entfernt, die Sitze ausgebaut. Von der Projektionstechnik ist nur ein alter Projektor übrig geblieben, hier und da liegen noch Filmspulen oder Reste von Scheinwerfern herum.

Weiterführende Links:

Arts sceniques
Forbidden Places
Friched

 

Heldenrolle Dachornament Blick nach oben Projektor Filmstreifen
Tom und Jerry Filmprojektor Cinemeccanica Victoria Filmprojektor Cinemeccanica Victoria Der Saal Im Saal
Die letzte Reihe Die große Leere Dr letzte Vorhang ist gefallen Treppe im Hinterzimmer Hinterzimmer
Zwei stumme Beobachter Treppe Fassade Theatre Varia Cinema