Schlachthof
(Juni 2007)

Das Sterben fand mitten unter uns statt. Von den meisten unbeachtet, ungeahnt. Von einigen hingenommen, von wenigen verurteilt. Und dennoch - der Boden hier war mit Blut getränkt. Vergangen ist das nun, aber noch immer sind die Reste von Exkrementen zu sehen und zu riechen.
Ein Schlachthof inmitten der Großstadt - das ist wohl nichts ungewöhnliches. Nahe am Bedarf wie man so schön sagt. Aber nicht nahe bei den Erzeugern: den Bauern und Viehzüchtern. Und daher wurden das Schlachtvieh auch über weite Strecken herbei geschafft.
Ich stehe in der Waage des Pferdeschlachthofes und stelle mir vor, wie die Gitter und die Ausweglosigkeit auf die Tiere gewirkt haben. Haben sie bereits die Schreie der anderen gehört, die sich noch einmal mit aller Kraft gegen ihr Schicksal aufbäumten? Oder verlief das Sterben still und leise?
Niedrige Futtertröge nebenan deuten auf Jungvieh hin, dass hier noch einmal versorgt wurde. Eine Lammschlachtanlage ging jedenfalls nicht mehr in Betrieb, bevor der Betreiber im Jahre 2002 Insolvenz anmelden mußte.

Auch zur Zeit des Nationalsozialismus wurde hier werktags das Vieh geschlachtet. Sonntags aber kamen unter anderem am nahen Güterbahnhof Züge mit Juden an. Sie wurden hierher geschafft, eingepfercht, mißhandelt. Und montags verließen sie den Schlachthof wieder in Zügen, die sie zur Deportation in Konzentrationslager und Ghettos brachten. 5.895 Menschen ereilte hier dieses menschengemachte Schicksal. Das Schlachten der Tiere wurde hier fortgesetzt, das Schlachten der Menschen woanders.

Nach dem Krieg wurde die Fleischversorgung hier wieder aufgenommen. Inzwischen sind die meisten Gebäude abgerissen, nur die denkmalgeschützten Gebäude des Pferdeschlachthofes und der Markthalle aus dem ausgehenden 19.Jahrhundert stehen noch. Hier sollen nun Luxuswohnungen entstehen, von Stadtvillen und Lofts ist die Rede. Schöner Wohnen sieht anders aus.

Weiterführende Links:

Ortungen: Deportation von Hilde Sherman-Zander

 

Pferdeschlachthof Blick nach oben Der Himmel - weit weg Die Markthalle Das Leben kehrt zurück
Schaltkasten "Mir wird übel" sprach der Kübel Keller der Markthalle Gekettet um zu sterben In der Waage
Mumie im Keller Hinab in die Hölle Hölle Schlachtszenen Das Ende