Fort de La Chartreuse - hell und dunkel wie die Vergangenheit
(Januar + September 2005, Mai 2006 / Urbexation Day)

Räume über Räume - nicht hundertfach, sondern schon fast tausendfach scheinen sie zu zählen. Das alte Fort in Lüttich besteht einerseits aus den mächtigen Resten der Kasematten oberhalb des Maas-Ufers, andererseits aus dem Kasernenkomplex. Diese Kaserne wurde 1939 um weitere Mannschaftsunterkünfte ergänzt - und eben jene Bauten zeichnen sich durch immer gleich aussehende Räume aus.
Ein Ort, an dem man Verbrechen verüben kann ohne dabei gestört zu werden - schießt es mir durch den Kopf. Ich will gar nicht recht wissen, wie jeder einzelne Raum aussieht. Und tatsächlich - nach Ende der Exkursion ergibt sich ein Gespräch mit einer Französin, die davon berichtet, dass hier gerade ein Junge ermordet wurde.
In der Nähe des Forts haben sich Obdachlose eingerichtet, ein offenes Feuer verbreitet Wärme und Rauch an diesem bitterkalten Januartag. Jugendliche wenden sich ab, sobald ich mit der Kamera in ihre Nähe komme. Mir scheint, mir soll hier etwas verborgen bleiben ...

Das alte Fort wurde 1817-1823 vom Vereinigten Königreich der Niederlande zum Schutz gegen Frankreich gebaut. Bereits kurz nach Fertigstellung des Forts war dieses aus militärischer Sicht veraltet. Gebaut wurde es, um zusammen mit der auf der gegenüberliegenden Uferseite gelegenen Zitadelle die Stadt zu schützen. Die starke Reichweitenzunahme der Artillerie machte es aber nötig die Verteidigung weiter vor die Stadt zu verlegen. Daher wurde Lüttich mit einem Ring aus 12 weiteren Festungen umgeben.
1830 bemächtigten sich belgische Aufständische und Truppen des Forts und markierten damit einen wichtigen Punkt in der Geschichte der belgischen Unabhängigkeit. Die Anlagen wurden zwar im 19. Jahrhundert weiter befestigt, jedoch nur noch als Kaserne benutzt.
Im August 1914 fiel Lüttich in deutsche Hände und das Fort diente fortan als Gefangenenlager für belgische Soldaten und Zivilisten. 49 Männer und Frauen ließen dort ihr Leben - erschossen während der Jahre 1915 bis 1917 weil sie Truppenbewegungen protokolliert hatten. Diesen 49 sind die Kreuze geweiht, die sich in der Nähe des Erschießungsplatzes befinden. Ein dunkler, tunnelartiger Gang verbindet ihn mit dem Gefängnistrakt.
Es gehörte seitdem zu einer jährlichen Tradition, dass Schulklassen zum Jahrestag des Kriegsendes an den Gräbern vorbei defilierten um den Toten die Ehre zu erweisen.

Zwischen 1918 und 1940 wurde die Kaserne weiter ausgebaut und beherbergte zu Zeiten der Mobilmachung mehr als 2.000 Mann. Während des 2. Weltkriegs diente La Chartreuse den Deutschen als Kaserne, die die mehrere Etagen hohen Mannschaftsunterkünfte regelrecht eingruben. Vom September 1944 bis zum Juli 1945 richtete die amerikanische Armee hier ein Lazarett für die Verletzten der Ardennenschlacht ein. Nach dem Krieg wurden die alten Gebäude wieder ausgegraben und die Kaserne vom belgischen Militär genutzt.
Auch heute ist die Anlage noch militärisches Sperrgebiet, selbst wenn sie bereits seit Jahrzehnten nicht mehr entsprechend genutzt wird und zunehmend verfällt. Es gibt Gerüchte, wonach dieser geschichtsträchtige Ort den Bulldozern übergeben werden soll und dort Apartements entstehen sollen. Das Gelände soll bald hermetisch abgeriegelt werden.

September 2005:
Das Areal des Forts ist nun wieder frisch verzäunt, Schilder sind zu sehen, auf denen vor einem freilaufenden Rottweiler gewarnt wird. Diese Hinweise sind kein Bluff und absolut ernst zu nehmen! "Yak" kann sehr schnell rennen und hat auch kein Problem mit Treppen.
Das Gelände gehört nun einem privaten Investor, wobei die Grenzen zu städtischem und militärischem Grund (Ehrenfriedhof) fließend sind. Der Investor plant den Abriß zahlreicher Gebäude (z.B. der Reithalle und Stallungen) und die Errichtung von Luxus-Apartements im alten Teil des Forts. Der gesamte Wohnbereich soll nach außen abgeschottet werden und unzugänglich bleiben.
Mitte Februar hatte ich erfahren, dass zwar der eingangs erwähnte Mord an dem Jungen schon etwas länger zurückliegt, aber 3 Wochen nach meinem Besuch in den Kasematten die Leiche einer Krankenschwester gefunden wurde. Nun - im September - wird mir die Stelle der Tat gezeigt. Es ist ein außerhalb der Kaserne liegender Bunker, der Drogensüchtigen als Treffpunkt dient. Der daneben liegende Bunker der Obdachlosen ist inzwischen durch eine unkontrolliert brennende Zigarette ausgebrannt.
Begehbar bleiben aber die kilometerlangen Tunnel, die sich unter den Wallanlagen herziehen.

Weiterführende Links:
Cadavre à la Chartreuse
L'Armee quitte La Chartreuse de Liege
Couvent - Couvent Fortifie - Fort - Caserne
Historische Aufnahmen
Satellitenaufnahme
Besuchsbericht von Petr Kazil (2001)
Urbexation 2006

 

Block, Sept. 2005 #gallery 6f6b86de-b810-4ef7-84ed-51fff5dd26f1 Block, Jan. 2005#gallery 05411aeb-a30b-4328-88cb-456b4c457574 alter und neuer Komplex, Mai 2006#gallery e95e60ab-ec8e-431f-82b4-a2031d543a4a alte Blocks#gallery 14907fbd-f2bd-4b00-b7cc-aa92c240e5ae Neubau#gallery 44921437-cc67-4572-84e9-eae1e7d68d77
Panorama#gallery 36aa67d5-9226-4d9b-bb21-c2a768ad8655 Durchfahrt durch alten Block#gallery 3e55e829-0c36-46c9-a422-21d29d13d0c3 Treppenhaus#gallery 37070d9f-5d22-4a3e-b6f5-94484c5d497d Treppenhaus#gallery a4b142fc-f4e3-4e0b-8219-1cee1d28900b Tonnengewölbe#gallery 822f8bb0-35ba-40e7-923f-c9e72ef4c1e0
Treppenhaus#gallery 080b8988-150a-404b-ac3c-81247e0ad299 klassische Geometrie#gallery 03ccee4d-9f2b-45ce-add6-d3fe1ca13c73 Verbundenheit#gallery d1a5bc1a-cafe-4c9c-8a27-0560de09d358 Im alten Block#gallery 5732924d-b1f2-4383-be59-7f9538ff88f0 Kellergeschoss#gallery cc97cabd-5b5c-4f79-b963-42f768b4a398
Waschraum#gallery 94e8a552-405f-4d25-b90c-e69adeeeb0ea Kleiderhaken#gallery b1e50c35-a55f-4d2f-83bf-3e174d7f0cdc Treppenhaus#gallery 0cbc1851-1631-467f-b775-8806cf309229 frische Luft#gallery 67a74caa-6ae6-4a3f-b4d0-95a2cd30969a Reithalle#gallery 3e801114-aba5-4a70-a4cc-1f928c5ad55e
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