Bahnstrecke Civitella Cesi - Monteromano
(Oktober 2008)

Die Strasse, die eigentlich gar keine ist, findet sich auf keiner Karte und in keinem Navigationssystem. Von gelegentlichen unpassierbaren Betonbarrieren abgesehen bietet sie ein besseres Vorankommen als die ausgewaschenen Wege, die parallel verlaufen und als Strassen klassifiziert werden. Was wie ein Anachronismus erscheint, ist die Hinterlassenschaft einer Bahnlinie, von der außerdem noch Tunnel, Brücken und alte Bahnhöfe zeugen.
Meine Tour führt mich nur ein kleines Stück entlang dieser Bahnstrecke - weitere Stationen in dieser weitläufigen Landschaft Mittelitaliens sind nur zu Fuß oder mit dem Trekkingrad zu erreichen. Zuerst fällt mir das "Haus des Cavalliere" auf. Ich nenne es so und weiß nichts weiter über seine frühere Verwendung. Ein Bauernhof war es nicht und doch steht es alleine mitten in der Landschaft. Ich vermute hier das Wohnhaus eines Schrankenwärters oder Bahnhofvorstehers. Ausser einigen Boccia-Kugeln mit Holzwurmbefall gibt es in seinem ausgebrannten Inneren nicht viel zu sehen.
Ein Stück weiter liegt dann schon der erste Bahnhof dieses Tages. Die Station von Civitella Cesi sieht von aussen sehr viel imposanter aus als von innen.
Nachdem mich die bereits erwähnten Betonbarrieren zu einem Rück- und Umweg zwangen, führte mich der Weg dann vorbei an einigen Wartungshäuschen und durch einen Tunnel zum Bahnhof von Monteromano. Zuerst ist mir mulmig, als ich statt sonst üblicher Wachhunde ein "Wachrind" erblicke. Aber dann stellt sich das Rindvieh zum Glück als friedlich und nur gelinde neugierig heraus und läßt mir meine Ruhe.
Monteromano war früher eine von zwei Stationen der Strecke, an denen eine zweite Dampflokomotive an die Züge angekoppelt wurde, um diese auf den Bergstrecken anzuschieben.

Zur Geschichte der Bahn von Civitavechia nach Orte:

  • 1870 erste Pläne für eine Eisenbahn zwischen dem Hafen von Civitavecchia und den Stahlwerken von Terni
  • 1893 Bau einiger weniger Kilometer
  • 1917 Wiederaufnahme der Pläne
  • 1921 Vertragsunterzeichnung zum Bau der Bahn zwischen Regierung und Bahngesellschaft "Società Elettro Ferroviaria Italiana"
  • 1922 Beginn der Arbeiten von den beiden Endpunkten Civitavecchia und Orte. Probleme mit dem Baugrund erforderten eine Neukalkulation. 6 Jahre lang baut man an den eingleisigen 78 Kilometern, immer wieder konfrontiert mit Erdrutschen und Bewegungen des Untergrundes.
  • Am 28. Oktober 1929 wurde der reguläre Betrieb aufgenommen - allerdings ohne die vorgesehene Elektrifizierung der Strecke.
  • 1935 wurde mangels Bedarf die 1.Klasse der Passagierzüge gestrichen, ab 1936 setzte man dieselgetriebene Schienenbusse ein.
  • 1938 wurden 6km der Strecke bei Civitavechia mit Gleichstrom elektrifiziert.
  • Im zweiten Weltkrieg wurde die Brücke über den Mignone durch Bombardierung beschädigt und war erst 1947 wieder passierbar. Blindgänger blieben fast 50 Jahre im Flußbett liegen.
  • In den 50er Jahren wurde auch die 2.Klasse schwächer frequentiert, die überwiegend ländlichen Fahrgäste bevorzugten die 3.Klasse. Der Bahn erwuchs nun Konkurrenz durch den verstärkten Bau von Strassen.

Im Januar 1961 kam es nach tagelangen Regenfällen zu einem kleineren Erdrutsch. Er blieb ohne Schäden für Züge und Fahrgäste und wurde innerhalb weniger Tage beseitigt. Jedoch stellte nun ein Gutachten die Rentabilität in Frage, da eine millionenschwere Sanierung der Strecke gefordert wurde - was mit den schwachen Erträgen aus dem Bahnbetrieb nicht zu leisten war.
In Folge wurde im Westen nur noch der äußerste Streckenteil bei Civitavechia bedient, bis dass Anfang der 70er Jahre auch dort der reguläre Betrieb eingestellt wurde. Proteste von Bürgern und Gemeinden blieben wirkungslos.
Der östliche Streckenteil von Orte aus wurde jedoch auch durch die 60er Jahre hindurch für den Güterverkehr genutzt. Außerdem wurde die Strecke als Kulisse für Filmproduktionen entdeckt.

1983 wurde per Dekret eine Sanierung einer Teilstrecke sowie die komplette Elektrifizierung angeordnet.
Zwischen 1986 und 1993 fanden umfangreiche Arbeiten statt, Neigungen von Rampen und Krümmungsradien wurden geändert und 1994 war der Untergrund vorbereitet, um mit der Schienenverlegung fortzufahren.
1998 stoppten finanzielle Schwierigkeiten den weiteren Ausbau, außerdem gab es inzwischen eine Neubewertung der Strecke, die empfahl, den Eisenbahnring um Rom zur Verbindung von Civitavechia und Orte zu verwenden.

Seit der Jahrtausendwende gibt es jedoch wieder ein erstärktes Interesse an der Strecke. Touristen könnten mit der Linie von den bei Civitavecchia ankernden Kreuzfahrtschiffen zur Toskana gebracht werden, die Stahlwerke von Terni erhoffen sich durch den Gütertransport eine verbesserte Wettbewerbsposition.
Bis es soweit ist, werden Teile der Strecke wohl weiterhin nur Wander- und Fahrradtouristen sehen.

Weiterführende Links:

La ferrovia Civitavecchia - Capranica - Orte
Wikipedia (It.): Ferrovia Civitavecchia-Orte
La Ferrovia Civitavecchia-Capranica
Luni sul Mignone
Viaggio su una ferrovia che non c'è...
Rural rides in Central Italy
Video: mit dem Auto unterwegs auf dem gleichen Streckenabschnitt
Video: mit Mountainbikes auf einem anderen Streckenabschnitt

 

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