Ban Saint Jean - das Dorf des Todes?
(September 2004)

Ein kleines Waldstück inmitten einer lieblichen französischen Hügellandschaft: dort stehen verborgen die steinernen Zeugen einer unheilvollen Epoche. Ein ganzes Dorf - verlassen und verfallen - weckt schon seit Jahren die Phantasie der Menschen. Geschichten über Spuk, verschwundene Menschen und blutrotes Wasser in Brunnen machen die Runde und locken Teenager an, die hier einen gespenstischen Kick erwarten. Doch die Wahrheit über den Ort birgt ein viel größeres Grauen als dieser Gespensterunfug.
Bei einem Spaziergang durch das Dorf können bereits einem ungeübten Beobachter Dinge auffallen, die klar machen, dass es sich hier nicht um ein normales Dorf handelt. Die Häuser basieren auf sich wiederholenden Grundrisstypen, sind exakt ausgerichtet und aus der gleichen Zeit stammend. So sieht kein natürlich gewachsenes Dorf aus. Dann fallen Unterstände aus Beton, ein Platz mit Betonplatten, ein unterirdischer Schacht und Reste einer Umzäunung auf. Um das Dorf herum stehen in der Landschaft kleine Bunkeranlagen. Wer hat hier wen und wovor zu schützen versucht? Ging es überhaupt um Schutz oder vielleicht etwas anderes?

Tatsächlich ging es auch um etwas anderes. Angelegt wurde das Dorf als Siedlung für französische Offiziere der Maginot-Linie in den Jahren 1937/38. Damals galt es - auch wegen seiner Rosengärten - als musterhafte Anlage. Die Offiziershäuser waren für damalige Verhältnisse recht komfortabel mit Parkettboden und Garagen ausgestattet.
Mit der Kapitulation Frankreichs im zweiten Weltkrieg geriet die Anlage unter die Verwaltung der Deutschen Wehrmacht, die dort ein Lager und Lazarett für französische Kriegsgefangene einrichtete und in "Johannis Bannberg" umbenannte. Ab 1942 wurden dort Sowjetsoldaten untergebracht, die in den Gruben und Stahlwerken der Umgebung, aber auch in der Landwirtschaft als Zwangsarbeiter ausgebeutet werden sollten. Diese Soldaten befanden sich oft in schlechter Verfassung und das Lager Johannis Bannberg stellte damals ein Zwischenlager dar, in dem sich darüber entschied, ob sie dort starben oder ihren Weg als Zwangsarbeiter in die Industrie fanden. Es gibt Belege über regelmäßige Transporte von Toten, die außerhalb der Lagerbegrenzung verscharrt wurden.
Wie viele Opfer es zu dieser Zeit gegeben hat, bleibt wohl für immer im Unklaren. Nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner am 25.9.1944 wurden dort und im benachbarten Hospital in Creutzwald über 2000 Überlebende gefunden. Auf dem etwas abseits gelegenen Lagerfriedhof, der heute von Äckern umgeben ist, sollen 1979/80 bei einer Umbettungsaktion 2.879 Tote gefunden worden sein. Die französische Regierung erklärte damals, dass es keine weiteren Opfer gegeben hätte. Andererseits wurden noch 1980 sogar überirdisch menschliche Überreste gefunden.

Diese Zahl gibt aber möglicherweise nicht das gesamte Ausmaß der Opfer wieder. Wie viele Soldaten in der Industrie ums Leben kamen, ist nicht mehr nachvollziehbar.
Ein halbes Jahr nach Kriegsende wurden angeblich über 200 Massengräber entdeckt, jedoch wurden diese nicht komplett geöffnet, weswegen nichts genaues über die Zahl der Toten gesagt werden konnte. Seit einer entsprechenden Pressemitteilung kursiert die Zahl von etwa 22.000 Opfern, von denen wohl die meisten ukrainische Soldaten sein sollten. An dieser Stelle jedoch wird die Zuverlässigkeit von Informationen zweifelhaft, zu sehr spielen unterschiedliche Interessen eine Rolle. Wer waren diese Ukrainer? Waren es sowjetische Soldaten? Oder waren es Angehörige einer ehemaligen ukrainischen SS-Division? Die erwähnten Grabungen von 1979/80 brachten schließlich nur bedingt Licht in das Dunkel dieser Tragödie, beendeten aber die offiziellen Nachforschungen. Die französische Regierung hat seit dieser Zeit kein besonderes Interesse an der weiteren Aufklärung um die Hintergründe des Lagers gezeigt.
Die Ukrainer Frankreichs sind es nun, die das Gedenken an die Opfer bewahren und dort im September eine kleine Zeremonie abhalten wollen.

Gut ein Jahr nach Kriegsende zog die französische Armee wieder in Ban St.Jean ein, das seitdem militärisches Sperrgebiet ist. Scheinbar wurde das Offiziersdorf später wieder frei gegeben und von Familien aus der Umgebung oder Flüchtlingen genutzt. Anfang der 90er Jahre wurden die zu diesem Zeitpunkt noch dort wohnenden Familien enteignet und die Armee nutzte danach das Gelände für wenige Jahre zum Häuserkampftraining. Ebenso trainierten hier später Hunderettungsstaffeln.
Inzwischen sind die Gebäude der Kasernen und des Lagers längst weitgehend abgerissen, nur die Reste der Offiziershäuser und zwei Wassertürme stehen noch. Lediglich die Bunker und der unterirdische Telefonschacht deuten noch auf die ehemalige militärische Nutzung hin.

Heute suchen hier Geocacher nach Verstecken, Familien sammeln wild wachsende Beeren und Jugendliche reisen von jenseits der Grenze an, um nächtliche Parties auf dem Gelände zu feiern.
Noch in diesem Jahr soll ein Gedenkstein errichtet werden, der die Vergangenheit dieses Ortes wieder in Erinnerung rufen soll.

Weiterführende Links:

Recherche von R.Zimmer bei Moosburg Online
Luftaufnahme
le site du Camp du Ban-Saint-Jean

 

Der große Wasserturm#gallery 7c4bc74b-edbf-40c3-9ab5-bb41ca0e6f9e Wasserturm innen#gallery 166c70f1-ecf4-4b77-aeeb-e451cc8dc72b Wasserturm hinter Bäumen#gallery 964484d3-4821-4e2c-9f88-2b64871b9650 Gräser im Wind#gallery c24d52d0-d7f1-4efb-9dd3-38d998af989f Rote Beeren#gallery 6ab7c06a-3c45-4822-b678-4873345c9f92
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